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Kids an Bord

Urlaub mit Kindern muss nicht kindgerecht sein

Urlaub mit Kindern muss nicht kindgerecht sein
Juni 19
14:59 2014

Kindgerecht ist eines dieser Worte, bei dem sich mir, seit ich selber Kinder habe, augenblicklich die Nackenhaare aufstellen. Das liegt vor allem daran, dass in der Regel alles, was mit diesem Wort gekennzeichnet ist, gegen jede Form von gutem Geschmack verstößt. Kindgerecht ist abwischbar und pflegeleicht, mit Bienchen und Bärchen bedruckt, klobig, langweilig oder schlicht albern.

Leider hat dieser Trend auch vor der Reisebranche nicht haltgemacht. Schaut man sich die gängigen Familienangebote von Hotels und Reiseveranstaltern an, dann scheint vor Kreißsaaltüren ein Container für Stil und Individualität zu stehen, an dem die werdenden Eltern diese Eigenschaften unwiderruflich abgeben.

Fortan ist kindgerecht das Label, das sie für die nächsten Jahre begleiten wird. Kindgerecht steht dabei für eine infantile Belustigungsindustrie, die die jungen Eltern in Planschbecken voller bunter Plastikkugeln zwingt, ihnen suggeriert, dass es witzig und notwendig sei, mit Käptn Pinguin auf Ruderbootfahrt zu gehen, dass eine Mahlzeit ohne Hochstuhl nicht handelbar und ein Pool ohne Wasserrutsche eigentlich sinnlos ist, oder dass fliegende Legosteine beim Abendessen irgendwie zum nachwuchsgerechten Elterndasein dazugehören.

Einzig die Fluggesellschaften sind vom Infantilisierungswahnsinn noch ausgenommen. Zwar gehören Kinderessen und Überraschungstüte hier mittlerweile auch zum – wiederum angenehmen – Standard-Repertoire. Ein Bälleband auf über 10.000 Metern bleibt einem bisher aber entspart. Vermutlich platzbedingt.

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Braucht es das alles wirklich? Und was ist ein kindgerechter Urlaub überhaupt?

Müssen Kinder auf Reisen dauerbespaßt werden? Ist ein Urlaub wirklich nur dann gelungen, wenn Nachwuchs und Eltern, nach den gemeinsamen Spaghetti Pumuckl oder dem Schnitzel Ede Wolf, den Tag beim Ententanz mit Animateur ausklingen lassen? Müssen Eltern auf Stil, Design und Geschmack verzichten und fortan zwischen kitschig bunten Kinderecken, vermeintlich witzigen Maskottchen und Babypools voller Plastikspielzeug Urlaub machen?

Nein, ist die Antwort von immer mehr Eltern. Familienurlaub heißt Familienurlaub, weil er allen Familienmitgliedern Spaß machen soll. Das kann, ganz nach individuellem Geschmack, am Bodensee-Ufer sein oder am Strand des Indischen Ozeans. Wer seine Urlaube immer schon in heimischen Regionen verbracht hat, für den gibt es mit Kind natürlich keine Veranlassung, daran etwas zu ändern.

Bleibt bei eurem Urlaubsstil

Wer aber bisher seine freie Zeit bevorzugt dazu genutzt hat, den Rucksack zu schultern und das Ende der Welt zu erkunden, oder sich durch die Städte Europas treiben zu lassen, hier einen Cappuccino auf einer italienischen Piazza zu trinken und dort ein Museum zu besuchen, oder wer bevorzugt in kleinen durchdesignten Boutiquehotels mit angeschlossenem Spa irgendwo in Asien abgestiegen ist, der wird im Zweifelsfall mit der Aussicht auf einen Spaziergang entlang einer Kurpromenade oder 14 Tagen animiertem Cluburlaub unter mediterraner Sonne nicht sehr relaxt und glücklich werden.

Und relaxt sein wiederum, so unsere Erfahrung, ist die einzige Grundvoraussetzung für einen gelungenen Familienurlaub. Die Kinder, das haben wir bei unseren Reisen oft genug festgestellt, können überall Spaß am Urlaub haben. Nämlich überall dort, wo auch die Eltern entspannt sind und die Zeit genießen.

Mit Kindern um die Welt

Bereits seit unsere Kinder ganz klein sind, reisen wir mit ihnen fast überall hin. In den vergangenen Jahren begleiteten die Kids uns nach Sri Lanka und Indien, auf die Malediven, nach Dubai und auf die Seychellen, nach Panama, Frankreich, Spanien, Italien, England, Österreich, in die Schweiz, nach Dänemark, Schweden, Russland, Slowenien und Lettland. Und genau so machen es auch immer mehr andere Eltern.

Natürlich unterscheiden sich diese Reisen dennoch von denen der kinderlosen Zeit. Man passt sich dem Tempo der Kinder an, reist im Zweifelsfall langsamer, auf anderen Routen. Auch würde ich nicht gerade ein reines Honeymooner-Resort als optimale Unterkunft auswählen. Dennoch findet man mit etwas Geduld fast überall auf der Welt besondere Hotels, die sowohl unserem Bedürfnis nach Individualität, als auch den Wünschen der Kinder gerecht werden.

Damit der Individualurlaub mit Kind zum relaxten Erlebnis für alle Beteiligten wird, sind ein paar Dinge zu beachten. In den letzten Jahren habe ich aus unseren Reiseerfahrungen so meine persönliche Liste zusammengetragen, die ich bei der Reiseplanung immer im Hinterkopf habe:

Fliegen

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Für viele Eltern immer noch das größte Hindernis für Fernreisen. Wer es aber ausprobiert, wird feststellen, dass das Ganze kaum so schlimm ist wie erwartet. Natürlich ist eine 18-stündige Anreise, inklusive Zeitzonenwechsel und Jetlag, für alle Beteiligten anstrengend. Meine Erfahrung ist aber, dass Kinder das sogar oft besser wegstecken als die Erwachsenen. Denn Kinder haben einen großen Vorteil. Sie können fast immer und überall schlafen. Insofern ist das eventuelle Defizit schnell aufgeholt.

Damit auch die Mitreisenden einen entspannten Flug haben und nicht alle drei Sekunden durch einen Tritt in die Rückenlehne geweckt oder beim Essen von umherfliegenden Tablettbestandteilen getroffen werden, ist natürlich das Engagement der Eltern gefragt. Einfach einsteigen, anschnallen und Tageszeitung oder Roman auspacken, während der Nachwuchs sabbernd über der Sitzlehne hängt und vom netten Passagier in der Reihe dahinter bespaßt werden soll, ist rücksichtslos. Leider habe ich dieses Verhalten auf Reisen schon allzu oft beobachtet und solchen Eltern verdanken Reisende mit Nachwuchs sicher den oft katastrophalen Ruf. Wie häufig schon kam ich mit den Kids im Flugzeug an unserer Reihe an und stieß erst mal auf die entnervten Gesichter der Umsitzenden. „Och nö, nicht direkt neben uns“, riefen einem die stummen Blicke fast schon zu. Und wie oft wurde ich nach dem Flug von eben diesen Leuten angesprochen, die sich erfreut und verwundert darüber äußerten, dass unsere Kinder während des gesamten Fluges kaum zu hören oder zu sehen waren.

Ich gebe zu, hier greife ich oft zu weniger pädagogischen, dafür aber um so nervenschonenderen, Mitteln. Die diversen iGeräte leisten hier brillante Dienste. Vor jeder Reise werden Tablet und Phone mit neuen Apps und Filmen beladen. Und dank Kopfhörer kann sich der Nachwuchs so geräuschlos stundenlang beschäftigen. Bei kleineren Kindern haben sich Vorlesen und gemeinsames Malen oft als sehr hilfreich erwiesen. Und wenn gar nichts mehr geht, ist in solchen Sondersituationen auch mal die Bestechung mit weniger zahnfreundlichem Süßkram statthaft.

Spielzeug

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Nein, wir reisen nicht mit einem Schrankkoffer voller Spielwaren. Die brauchen die Kinder vor Ort nämlich gar nicht. Beide Kids dürfen sich vor Abflug am Flughafen etwas in der Größe und Preisklasse eines Matchboxautos aussuchen. Damit sind sie dann, weil neu, erst einmal eine ganze Weile beschäftigt. Hinzu kommen noch die Sachen, die inzwischen jede Fluggesellschaft für die Nachwuchsreisenden an Bord hat.

Und am Urlaubsziel angekommen werden die Kinder ganz schnell kreativ. Ob Wasser, Muscheln, Sand, Steine, Zweige oder Blüten – es findet sich immer etwas zum Spielen. Seit unsere Kinder größer sind, haben sie auch jeder einen eigenen kleinen Rucksack dabei, den sie während der gesamten Reise selbst tragen. Darin können sie von zu Hause mitnehmen, was sie wollen. Das Ganze sollte aber keinesfalls mehr als ein paar Hundert Gramm wiegen. Denn sonst trägt man am Ende zusätzlich zu seinem eigenen Gepäck noch je einen Kinderrucksack in jeder Hand.

Route

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Natürlich sind unsere Routen an die Bedürfnisse der Kinder angepasst. Zu schnelles Reisen mit täglichen Ortswechseln wird schnell entnervend für alle Beteiligten. Nach Möglichkeit plane ich die Reise so, dass wir mindestens für zwei Nächte an jedem Ort sind. Am Ende einer längeren Rundreise versuche ich immer einen mehrtägigen Stopp, wenn möglich mit Strand und Baden, einzubauen. So können alle vor der Heimreise noch mal ganz relaxt Ausspannen und die sich von der anstrengenderen Rundreise erholen.

Auch plane ich unterwegs immer mal wieder Aktivitäten ein, die wir ohne die Kinder vermutlich nicht gemacht hätten. Ob Schildkrötenaufzuchtsstation oder Schmetterlingsfarm, für die Kinder sind solche kurzen Stopps die Details, auf die sie sich während der Reise besonders freuen.

Das langsamere Reisen hat sich übrigens durchaus auch für uns Erwachsene als spannend erwiesen. Zwar kann man in der begrenzten Zeit auf diese Weise manchmal nur kleinere Bereiche bereisen als früher. Dafür aber lernt man diese intensiver und besser kennen und hat mehr Zeit, Menschen vor Ort zu treffen und die Besonderheiten einer Region zu erfahren.

Unterkunft

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Die Unterkünfte sind beim Reisen mit Kindern für mich zu einem der wichtigsten Faktoren geworden. Nicht selten plane ich eine Route um, weil ich in ein ganz bestimmtes Hotel möchte oder auf einer Strecke eben nichts Geeignetes finde.

Auf Fernreisen, nach einem trubeligen Tag mit Hitze, vielen Streckenkilometern oder lauten und staubigen Innenstädten, suche ich immer einen Ort, an dem die Kinder sich abends entspannen und runterkommen können. Ist kein Meer verfügbar, versuche ich Unterkünfte mit Pool zu finden. Gibt es auch das nicht, hilft auch ein großer Garten oder ein schattiger Innenhof.

Gerne übernachten wir dabei in Bed & Breakfast. Der Kontakt zu den Betreibern und anderen Gästen, der sich dort fast immer ergibt, macht jede Reise interessanter und oft erhält man hier auch die spannendsten Geheimtipps.

In sehr anstrengenden Städten wie zum Beispiel Mumbai, darf es auch gerne ein Fünf-Sterne-Hotel sein. Das ist sicher nicht besonders authentisch. Aber Authentizität haben die Kinder nach einem Tag in einer solchen Stadt zu genüge gehabt. Die gediegene Atmosphäre solcher Hotels bietet einen Rückzugsort und gibt ihnen Zeit, die Erlebnisse des Tages zu verarbeiten.

In europäischen Städten buchen wir gerne die privaten Wohnungen, die von den bekannten Portalen vermittelt werden. Auch wenn unsere Kids im Urlaub lange aufbleiben, machen sie dann doch meist vor uns schlapp. Nichts ist nerviger, als ab 23 Uhr im dunklen Doppelzimmer eingesperrt zu sein und sich nur noch flüsternd zu unterhalten. Da eine mehrräumige Hotel-Suite mit Terrasse in Innenstadtlage in der Regel das Reisebudget sprengt, bieten diese privaten Wohnungen eine super Alternative. Mitten im Zentrum gelegen, oft sehr stylish eingerichtet und mit viel Platz, sind sie für uns ideal. Direkt vor der Tür findet man das Nachtleben der Stadt und kann noch bis in den Abend hinein die Atmosphäre der Restaurants, Bars und Cafés genießen. Und wenn die Kinder dann müde ins Bett fallen, lässt man den Tag herrlich entspannt bei einer Flasche Wein auf dem Balkon oder im loftartigen Wohnzimmer ausklingen.

Individuelles Reisen mit Kinder ist einfach

Wer es einmal ausprobiert hat wird feststellen, wie einfach es ist, auch mit Kindern individuell zu reisen. Kinder sind dabei häufig viel unkomplizierter als die Erwachsenen. Eine Fahrt mit dem Chickenbus? Für die Großen oft nervig, eng und heiß. Für die Kids ein riesen Abenteuer. Alle Restaurants schon geschlossen? Was gibt es Besseres als Picknick am Strand mit Keksen und Fanta aus dem Supermarkt. Weltuntergangsartiger Monsunregen? Endlich darf man barfuß durch die Pfützen toben.

Ich kann nur jedem raten, es einfach auszuprobieren. Packt euren Rucksack, den Koffer oder den Trolley, schnappt euch eure Kinder und dann reist wie früher. Erkundet mit euren Kindern die Welt und seht, wie spannend es ist, sie durch ihre Augen zu betrachten. Und wenn ihr dann mit euren Kindern da sitzt und zutiefst zufrieden den Sonnenaufgang über Angkor, die vorbeiflitzenden Scooter in Rom oder die Surfer an der zerklüfteten Atlantikküste betrachtet, dann wird dieser Urlaub garantiert allen Familienmitgliedern gerecht – ganz ohne Maskottchen, Bällebad und Ententanz.

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Über den Autor

Claudia Böttcher

Claudia Böttcher

Berlinerin im Münchner Exil, Mutter von 2 Kindern, freie Journalistin und Reisejunkie. Die Welt zu erkunden war schon immer Claudias Passion und daher ist sie auch mit der Familie ständig unterwegs. Ob Südostasien, Mittelamerika oder doch mal ganz entspannt Europa, die Kinder begleiteten sie von Anfang an überall hin und sind mit ihren 5 und 7 Jahren selbst schon echte Reiseprofis geworden. Auf Claudias Blog fernweh-mit-kids.de berichtet sie von ihren Erlebnissen und möchte so auch andere Eltern motivieren, einfach die Taschen zu packen und loszufahren - ins Reiseabenteur. Indien, Panama oder die Seychellen mit kleinen Kindern? Na klar geht das. Wie, davon erzähle sie auf Fernweh mit Kids. Wenn sie gerade mal nicht unterwegs ist, weil die Kinder die Schulbank drücken müssen und der Job ruft, lebt und arbeitet Claudia als freie Redakteurin und Autorin in München oder reist für verschiedene Kunden und Projekte immer auch mal ein paar Tage alleine durch die Welt.

1 Kommentar

  1. immerhinehrlich
    immerhinehrlich Juni 23, 10:16

    Hallo Claudia,

    du sprichst mir aus der Seele mit der Kindergerechtigkeit 😀
    Ich finde das nicht nur albern, sondern sogar gefährlich. Ich denke, dass dadurch der falsche Draht zu den Kindern aufgebaut wird, weil sie zu sehr als Objekte behandelt werden, zu viel ich weiß, was du willst. Das kann auf Dauer die Beziehung zu den Eltern stark belasten. Nun denn, es wird schon gut gehen.
    Auf jeden Fall buche ich kein Hotel nur weil es kindergerecht ist.

    Gabi

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